Muskelkrämpfe! – Wer kennt sie nicht, diese schmerzhaften, plötzlich auftretenden Muskelkontraktionen während oder unmittelbar nach einer Trainings- oder Wettkampfbelastung? Bis zu 70 % der Ausdauer- und Spielsportler scheinen irgendwann einmal im Verlaufe ihrer sportlichen Karriere davon betroffen zu sein. Doch was löst Muskelkrämpfe aus, wie kann man ihnen entgegenwirken und wo fehlen nach wie vor Antworten und Erklärungen? Ein kürzlich erschienener Übersichtsartikel geht diesen Fragen genauer auf den Grund.

Muskelkrämpfe während oder unmittelbar nach Belastung treten typischerweise spontan, sowie in unterschiedlichen Erscheinungs- und Ausprägungsformen auf. Ein Wadenkrampf bei einem Fussballer ist somit nicht vergleichbar mit einem Ganzkörper-Krampf, wie er z.B. manchmal von Tennisspielern beschrieben wird. Somit wird auch klar, dass es keine klare, allgemeingültige Definition oder einen eindeutigen Mechanismus für die Entstehung von Muskelkrämpfen gibt. Zurzeit werden dazu zwei unterschiedliche Theorien diskutiert, nämlich a) ein Ungleichgewicht zwischen Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt sowie b) eine Veränderung der neuromuskulären Kontrolle (abnormale spinale Reflexaktivität als Folge muskulärer Vorermüdung). Nichtsdestotrotz bleibt über die Entstehungsgründe von Muskelkrämpfen noch vieles unklar. Eindeutig klar scheint hingegen zu sein, dass bis zu 70 % der Ausdauer- und Mannschaftssportler im Verlaufe ihrer Sportkarriere mit Muskelkrämpfen zu kämpfen haben.  Der hier vorgestellte Übersichtsartikel befasst sich genauer mit den Zusammenhängen, Hintergründen und möglichen Gegenmassnahmen beim Auftreten von Muskelkrämpfen während und unmittelbar nach sportlicher Betätigung.

Methode

  • Literatursuche im Web of Science (379 Treffer) und PubMed (236 Treffer) unter Einbezug der Schlagworte „cramp“, „muscle“ and „exercise“ für die Jahre 1900 bis 2019
  • Suche nach möglichen Risikofaktoren, Gründen, Gegenmassnahmen und involvierten Mechanismen bei der Entstehung belastungs-assoziierter Muskelkrämpfe

Ergebnisse

  • Als mögliche Mechanismen, die zur Entstehung von Muskelkrämpfen beim Sport führen, werden a) ein Ungleichgewicht zwischen Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt sowie b) eine abnormale spinale Reflexaktivität als Folge muskulärer Vorermüdung postuliert
  • Zu den persönlichen Risikofaktoren, welche Muskelkrämpfe begünstigen, zählen: Alter, Anzahl Trainingsjahre, höherer BMI, wenig und unregelmässiges Stretching, positive Familienanamnese bzgl. Neigung zu Muskelkrämpfen, höhere Wettkampfintensität und –dauer
  • Muskelkrämpfe können zwar bei den meisten Sportarten beobachtet werden, treten aber mit Abstand am häufigsten im Ausdauer- (z.B. Marathon, Triathlon) und Mannschaftssport (z.B. American Football) auf
  • Muskelkrämpfe entstehen grösstenteils bei heissen Umgebungsbedingungen und hohen Schweissverlusten, oft auch in Kombination mit hohen Trainingsbelastungen (z.B. erste Woche Trainingslager in südlichen Breitengraden), können aber auch bei kühlen Temperaturen und zunehmender Wettkampfdauer verbunden mit erhöhter muskulärer Vorermüdung (z.B. Marathonlauf bei 10° C nach 35 km) auftreten
  • Als Gegenmassnahmen zur Prävention von Muskelkrämpfen wurden das Anreichern des Getränks mit Salz, regelmässiges Stretching, sowie in letzter Zeit auch die Einnahme von Gurkensaft untersucht, wobei keine der erwähnten Strategien die wissenschaftlichen Kriterien für eine erfolgreiche Wirkung gegen Muskelkrämpfe vollends erfüllt.

Kommentar

Dieser Übersichtsartikel konnte aufzeigen, dass die Entstehung von belastungs-assoziierten Muskelkrämpfen ein vielschichtiges Phänomen ist, dem unterschiedliche Erscheinungsformen und Mechanismen zu Grunde liegen und deren Zusammenspiel und Hintergrund noch nicht restlos geklärt ist. Krampf ist also nicht gleich Krampf! Auch wenn es vereinzelt Hinweise darauf gibt, dass z.B. regelmässiges Stretching oder das Anreichern des Sportgetränks mit Salz bzw. die Einnahme von Gurkensaft das Auftreten von Muskelkrämpfen in einzelnen Fällen zu beeinflussen vermag, so fehlt die wissenschaftliche Evidenz dafür nach wie vor. Es braucht also weiterführende Untersuchungen mit grossen Fallzahlen, um Ursachen und präventive Massnahmen von Muskelkrämpfen genauer zu evaluieren.

Literatur

Maughan RJ and Shirreffs SM (2019) Muscle cramping during exercise: causes, solutions, and questions remaining. Sports Med 49 (Suppl 2): 115-124.