Das Konzept des Relativen Energiedefizit im Sport (REDs) wurde 2014 von einem Expertengremium des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) eingeführt. Es baut auf früheren Arbeiten zum „Female Athlete Triad“ auf und beschreibt, wie eine niedrige Energieverfügbarkeit (LEA) bei Athlet*innen zu einer Vielzahl von gesundheitlichen und leistungsbezogenen Problemen führen kann.
Seit seiner Einführung hat das REDs-Modell in der Sportpraxis zunehmend an Bedeutung gewonnen. Athleten werden häufig mit „REDs“ oder „REDs-Syndrom“ diagnostiziert, hauptsächlich basierend dem Vorhandensein von Symptomen. Die Zahl der Publikationen zu diesem Thema ist stark angestiegen, was jedoch nicht zwingend mit der wissenschaftlichen Evidenz korrelieren muss. Oft werden Studien präsentiert, welche die Energieverfügbarkeit anhand von Energiezufuhr und Energieumsatz «berechnet» haben. Anhand der Grössenordnung, wird dann bestimmt, ob eine suboptimale oder tiefe Energieverfügbarkeit vorliegt. Zunehmend werden dann Biomarker mit analysiert, welche diese tiefe Energieverfügbarkeit (LEA) zusätzlich unterstreichen sollen.
Methode
Die Autoren führten eine kritische Überprüfung des REDs-Konzepts und der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz durch. Dabei analysierten sie:
- Die Schwierigkeiten bei der Messung der Energieverfügbarkeit
- Die Vielfältigkeit der Symptome und deren Ursachen
- Die Herausforderungen bei der Isolierung der Symptome von LEA und anderen potenziellen Ursachen
- Die Qualität und Aussagekraft der vorhandenen Studien
Resultate
- Messung der Energieverfügbarkeit: Die Berechnung der Energieverfügbarkeit ist in der Praxis sehr ungenau und fehleranfällig. Es gibt Probleme bei der Erfassung der Energieaufnahme, des Energieverbrauchs und der fettfreien Masse.
- Vielfältigkeit der Symptome: Die dem REDs zugeschriebenen Symptome können durch viele andere Faktoren verursacht werden, unabhängig von oder gleichzeitig mit LEA. Dazu gehören u.a. psychische Gesundheit, Essstörungen, Schlafmangel, Infektionen und nicht diagnostizierte klinische Zustände.
- Isolierung der LEA-Effekte: Es ist sehr schwierig, die Effekte von LEA von anderen potenziellen Ursachen für die gleichen Symptome zu isolieren.
- Modellgrundlagen: Das REDs-Modell basiert auf der Annahme, dass ein einzelner Faktor (LEA) die Symptome verursacht, anstatt eine Kombination von Faktoren zu berücksichtigen.
- Diagnostische Voreingenommenheit: Die REDs-Diagnose ist per Definition voreingenommen, da versucht wird, andere potenzielle Ursachen auszuschließen, um REDs zu bestätigen.
- Studienlage: Beobachtungsstudien waren typischerweise von kurzer Dauer (<7 Tage) und adressieren nicht die langfristige „problematische LEA“, wie sie im IOC-Konsenspapier 2023 beschrieben wird.
- Evidenzstärke: Die Evidenz für REDs ist nicht so überzeugend, wie oft angenommen wird. Es gibt nur wenige Studien, die eine Kausalität zwischen LEA und Symptomen nachweisen können. Die meisten Studien zeigen lediglich Assoziationen.
Schlussfolgerungen und Empfehlungen der Autoren
Die Autoren schlagen einen ganzheitlicheren Ansatz vor, der die Gesundheit des Athlet*innen in den Mittelpunkt stellt und alle möglichen Erklärungen für die Symptome offen lässt. Sie führen eine «Athlete Health and Readiness Checkliste (AHaRC)» ein, die acht Kategorien potenzieller Ursachen adressiert:
- Trainingsbelastung und -stress
- Stress im Alltag
- Psychische Gesundheit
- Essstörungen oder ein gestörtes Essverhalten
- Eine zu tiefe Energiezufuhr (u.a. tiefe Kohlenhydrat- oder Proteinzufuhr)
- Schlechte Schlafqualität oder -quantität
- Infektionen (Bsp. Eppstein-Barr-Virus)
- Nicht diagnostizierte klinische Zustände (Bsp. Schilddrüsenproblematik)
Dieser Ansatz soll eine umfassendere und weniger voreingenommene Herangehensweise an die Gesundheit bzw. vorhandene Symptome von Athlet*innen ermöglichen.
Kommentar
Die Autoren der Studie sind der Meinung, dass das Modell von REDs eine zu starke Vereinfachung einer komplexen Situation darstellt. Sie gehen davon aus, dass die Ursachen für die beschriebenen Symptome vielschichtig sind und nicht nur durch eine tiefe Energieverfügbarkeit erklärt werden können. Sie empfehlen deshalb, einen holistischeren Approach zu wählen und nicht voreingenommen zu sein.
Diese Sichtweise ist grundsätzlich sicher nicht falsch. REDS ist ein Modell, welches verschiedene mögliche Auswirkungen einer kritisch tiefen Energieverfügbarkeit aufzeigt. Vor allem stellt das Modell dar, dass eine tiefe Energieverfügbarkeit zu mehreren Symptomen bzw. Auswirkungen führen kann, welche entsprechend auch geclustert auftreten können und auf eine primäre Ursache zurückgeführt werden können. Eine Situation, welche wir in der Praxis tatsächlich immer wieder antreffen. Gleichzeitig sind alle im REDS-Modell beschriebenen gesundheitlichen und leistungsorientierten Auswirkungen nicht 1:1 spezifisch für eine tiefe Energieverfügbarkeit und können auch andere Ursachen haben. Allerdings wurde auch nie behauptet, dass dies so sei. Deshalb ist die pauschale Kritik, welche in der Publikation geäussert wird, nur bedingt nachvollziehbar.
Gleichzeitig erscheint die generelle Infragestellung des Konzepts auch problematisch. Dass nicht alle Zusammenhänge auf höchster wissenschaftlicher Evidenzstufe (RCT-Studien) beruhen, sowie dass es auch andere Ursachen geben könnte bzgl. REDS bezogenen Symptomen als Argumentarium zu nehmen REDS ziemlich pauschal in Frage zu stellen erscheint nur bedingt schlüssig. Wesentliche Aussagen aus dem Paper wurden Ende 2023 an einer internationalen Konferenz präsentiert, was bereits vor Ort zu einer Kontroverse geführt hat. Es scheint, dass die Autorengruppe mit ihren Argumenten zu einem gewissen Grad isoliert dasteht. Auch steht die Publikation von Gegenargumenten bevor. Inwieweit die wesentlichen Aussagen aus der Publikation in naher Zukunft einer vertieften fachlichen Überprüfung standhalten werden und wie in Kontext zu stellen sind, wird sich zeigen müssen.
Auch die SSNS vertritt die Position, dass das Modell «REDs» nicht generell in Frage gestellt werden muss und soll. Dass beobachtete Symptome immer kritisch betrachtet und durch eine Differenzialdiagnostik weiter abgeklärt werden sollen, damit die Therapie an der richtigen Stelle angesetzt werden kann, ist sinnvoll und grundsätzlich auch keine neue Aussage. Wir stellen zudem fest, dass gerade in der Schweiz der Wichtigkeit der Ernährung durch das Modell von «REDs» in den Verbänden aber auch bei den Athlet:innen mehr Beachtung geschenkt wird. Das ist eine positive Entwicklung. Literatur
Jeukendrup et al. (2024) Does Relative Energy Deficiency in Sport (REDs) Syndrome Exist? Sports Med.
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