In den nächsten beiden Praxis Updates geht es um das RED-S, das relative Energiedefizit im Sport. Immer mehr Athlet:innen in verschiedensten Sportarten decken ihren Energiebedarf nicht und riskieren so negative Konsequenzen für Ihre Gesundheit und die Leistungsfähigkeit. Teil 1 befasst sich mit den Grundlagen des RED-S, der Energiebilanz im Tagesverlauf und den Parallelen zum Übertraining. In Teil 2 wird auf spezifische Auswirkungen des RED-S auf Frau und Mann, auf Präventionsmöglichkeiten eingegangen und der Link zur Praxis gemacht.
Bereits 1992 wurde die «Female Athlete Triade» beschrieben. Diese bezieht sich auf die Wechselbeziehungen zwischen Energieverfügbarkeit, Menstruationszyklus und Knochendichte. Daraus entwickelte das IOC 2014 das RED-S, weil noch weitere Funktionsstörungen, die mit dem Energiedefizit einhergehen, entdeckt wurden. Das RED-S bezieht explizit auch die Männer mit ein und beschreibt auch die Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit. 2018 wurde eine überarbeitete Konsenserklärung zum RED-S publiziert.
Das RED-S kann Elite- oder Freizeitsportler, Frauen und Männer betreffen, wobei Athletinnen häufiger betroffen sind als Athleten. Risikosportarten sind ästhetische Sportarten (z.B. Rhythmische Gymnastik, Synchronschwimmen), Sportarten mit Gewichtsklassen (Kampfsport, Leichtgewichtsrudern), Ausdauersportarten mit einem hohen Trainingsumfang und Sportarten, bei denen ein geringes Gewicht von Vorteil ist (Skisprung, Hochsprung, Klettern, Berglauf, Marathon).
Mögliche Folgen eines chronischen Energiedefizits für die Gesundheit sind eine abnehmende Knochendichte, Zyklusstörungen, hormonelle Störungen, eingeschränktes Wachstum, Verminderung des Ruheenergieumsatzes und Störungen anderer Körperfunktionen wie zum Beispiel die Verdauung. Auch die Leistungsfähigkeit wird beeinträchtigt. Die Athet:innen verletzen sich häufiger, sind vermehrt krank, haben weniger Kraft und abnehmende Energiereserven, sind weniger konzentriert und können gar psychologische Beschwerden bekommen.
Die Ursachen einer andauernden ungenügenden Energiezufuhr sind vielfältig:
- gesteigerter Trainingsumfang/-intensität ohne Erhöhung der Energiezufuhr
- Appetitsreduktion durch regelmässig sehr intensive Einheiten oder anhaltendem Druck/Stress von aussen
- tiefes Körpergewicht
- ungenügende ernährungsbezogene Kenntnisse
- hoher Faseranteil und somit frühzeitige Sättigung
- Essstörungen oder gestörtes Essverhalten
Abschliessend noch zwei weitere Punkte im Zusammenhang mit RED-S: die Energiebilanz im Tagesverlauf (Within-day energy balance, WDEB) und Parallelen zum Übertrainingssyndrom.
Die Energiebilanz im Tagesverlauf ist ein neuerer und spannender Ansatz, den es jedoch durch weitere Studien noch zu bestätigen gilt. Sie entspricht der im Tagesverlauf verfügbaren Energiebilanz. Im Gegensatz zur täglichen Energiebilanz analysiert die WDEB die Energiebilanz pro Stunde und summiert diese Teilergebnisse eines Tages zusammen. So wird ersichtlich wie viele Stunden Athlet:innen in einer katabolen(abbauende), ausgewogenen oder anabolen Stoffwechsellage (aufbauende) verbracht haben. Trotz einer ausgewogener Energiebilanz kann eine Person im Tagesverlauf über mehrere Stunden eine ungenügende Energieversorgung aufweisen. Man nennt dies dann Within-day energy deficiency (WDED). Dies geschieht beispielsweise, wenn Athlet:innen nicht frühstücken, zwischen zwei Trainingseinheiten kaum was essen oder lange Trainingseinheiten ohne Energiezufuhr bestreiten. Ein üppiges Abendessen gleicht zwar die Tages-Energiebilanz wieder auf, die Stunden im Defizit bedeuten aber Stress für den Körper und können auf lange Dauer zu ähnlichen Symptomen wie beim RED-S führen.
Beim Übertrainingssyndrom (ÜTS) handelt es sich um ein chronisches (über Wochen oder gar Monaten dauerndes) Missverhältnis von Beanspruchung und Belastbarkeit also von Training (Umfang, Intensität, Dauer, Dichte) und ungenügender Regeneration. Ein Leistungsabfall wie auch andere RED-S-typische Symptome sind Konsequenzen und haben womöglich sehr ähnliche Auslöser (zu viel Training, ungenügende Energiezufuhr). Eine Differenzierung beider Syndrome ist aufgrund der Ähnlichkeit sowohl in Bezug auf die Ursachen als auch auf die Symptome schwierig.
Fazit:
Das RED-S, das Übertrainingssyndrom und wahrscheinlich auch das WDED haben negative Folgen für die Gesundheit und die Leistung der Athlet:innen. Darum ist es besonders wichtig…
- die Energiezufuhr über den Tag zu verteilen,
- eine bedarfsdeckende Zufuhr zu erzielen,
- während langen oder intensiven Trainingseinheiten die Kohlenhydratzufuhr sicherstellen,
- baldmöglichst nach dem Training die Kohlenhydratspeicher wieder aufzufüllen,
… um ein allfälliges Energiedefizit zu reduzieren, die Energieverfügbarkeit zu verbessern und die Energieverteilung über den Tag zu optimieren.
Eine Beratung bei einer Sporternährungsfachperson ist empfohlen, um individualisierte und auf das Training abgestimmte Ernährungsempfehlungen zu erhalten.
Quellen:
Mountjoy M, Sundgot-Borgen JK, Burke LM, et al. IOC consensus statement on relative energy deficiency in sport (RED-S): 2018 update. Br J Sports Med. 2018;52(11):687-697. doi:10.1136/bjsports-2018-099193
Fahrenholtz IL, Sjödin A, Benardot D, et al. Within-day energy deficiency and reproductive function in female endurance athletes. Scand J Med Sci Sports. 2018;28(3):1139-1146. doi:10.1111/sms.13030
Torstveit MK, Fahrenholtz I, Stenqvist TB, Sylta Ø, Melin A. Within-Day Energy Deficiency and Metabolic Perturbation in Male Endurance Athletes. Int J Sport Nutr Exerc Metab. 2018;28(4):419-427. doi:10.1123/ijsnem.2017-0337
Stellingwerff T, Heikura IA, Meeusen R, et al. Overtraining Syndrome (OTS) and Relative Energy Deficiency in Sport (RED-S): Shared Pathways, Symptoms and Complexities. Sports Med. 2021;51(11):2251-2280. doi:10.1007/s40279-021-01491-0
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