Vitamin C wird spätestens seit der Chemiker und Doppel-Nobelpreisträger Linus Pauling in den 1970er Jahren hohe Dosen an Vitamin C zur Behandlung von Erkältungen propagierte als Mittel gegen Erkältungen eingesetzt. In diversen Untersuchungen wurde dieser Zusammenhang untersucht und es gibt sogar eine entpsrechende Cochrane Review.
Üblicherweise werden Cochrane Reviews nach den höchsten Standards der Wissenschaft durchgeführt. Als Zusammenfassungen aller relevanten und hochstehenden Forschungen zu einem spezifischen Thema werden sie gerne als wesentliche Hilfe zu Entscheidungsfindung verwendet. Man kann davon ausgehen, dass dabei häufig nur das Abstract gelesen wird – auch weil Cochrane Reviews neben der klassischen Abstracts auch noch eine Zusammenfassung in „einfacher Sprache“ enthalten. Bei der Cochrane Review „Vitamin C zur Prävention und Behandlung von Erkältungen“ ist dies problematisch (1). Denn zumindest der für den Sport relevante Teil der Zusammenfassung ist von bescheidener Qualität und das Abstract entsprechend irreführend.
Methode
- Nur Placebo kontrollierte Studien berücksichtigt, in denen 200 mg/d oder mehr Vitamin C oral für mindestens 1 Tag eingenommen wurde
- Erfassung der Inzidenz und Dauer von Erkältungen
Ergebnis
- Total 29 Studien mit gut 11’000 Teilnehmenden
- 5 Studien mit „kurzen, extremen physischen Belastungen“
In der Gesamtbevölkerung:
- Kein Zusammenhang zur Häufigkeit von Erkältungen, d.h. Anzahl von erkälteten Teilnehmenden war mit oder ohne Vitamin C nicht unterschiedlich
- Etwas geringere Dauer (8 %) der Erkältungen bei regelmässiger Vitamin C Supplementierung (meist 1 g/d)
Bei „kurzer, extremer physischer Belastung“:
- Häufigkeit von Erkältungen nach der Belastung halbiert (!), wenn vor der Belastung über mehrere Wochen supplementiert wurde
- Dauer der Erkältungen nicht ermittelt
Kommentar
Liest man nur die oben dargestellten Ergebnisse (welche auch so im Abstract dargestellt sind) ohne kritisches Hinterfragen, kommt man zu folgenden Schluss: Vitamin C bringt nix in der normalen Bevölkerung (8 % kürzer bei einer üblichen Dauer der Erkältungen von rund 10 Tagen ist vernachlässigbar…), aber im Sport durchaus sinnvoll. Es ist aber schon etwas auffällig, wenn in einer Bevölkerungsgruppe praktisch nichts passiert und in einer zweiten ein extremer Zusammenhang beobachtet wird. Dies ist jedenfalls Grund genug, die Sub-Analyse bei extremer physischer Belastung näher anzuschauen.
Eine der fünf Studie stammt aus dem 1961 und die Methodik ist sehr schlecht beschrieben. Zwar wurden schon Vitamin C und Placebo eingesetzt. Aber es wird einzig berichtet, dass eine Hälfte von Teilnehmenden zweier Skilager in der Schweiz Vitamin C erhielt und die andere Hälfte Placebo. Zu Alter und Aktivität während des Lagers gibt es keine Infos. Da somit ein Teil von erforderlichen Angaben zur Beurteilung einer Studie fehlen, gilt sie als minderwertig und darf nicht berücksichtigt werden. Die zweite Studie aus dem 1974 ist ähnlich. Diesmal waren es kanadische Militärangehörige während „einer Übung“, die Outdoor durchgeführt wurde und die Militärleute in Zelten übernachteten. Ein Teil der Leute erhielt Vitamin C, der andere Teil Placebo, aber keine Angaben zur Aktivität der Leute oder der Dauer der Übung.
Die restlichen drei Studien wurden hingegen ordnungsgemäss durchgeführt und beschrieben. Alle drei hatten das gleiche Setting. Für 3-6 Wochen vor dem Comrades Marathon (90 km) in Südafrika gab es 250, 500 oder 600 mg Vitamin C pro Tag oder ein Placebo. Die Häufigkeit der Erkältungen war in den Tagen nach dem 90 km Lauf rund 50 % tiefer nach Vitamin C Supplementierung, egal ob 250, 500 oder 600 mg/d Vitamin C eingesetzt. Eine sechste Studie, die in der Cochrane Review zur Analyse bei der Gesamtbevölkerung gelistet wurde, hätte aber zur Sub-Analyse der kurzen, extremen physischen Aktivität gezählt werden müssen. Das Setting war ähnlich wie bei den 90 km Lauf Studien, aber mit höherer Dosierung (1000 mg/d über 8 Wochen) und vor einem kürzeren Rennen (klassischer Marathon von 42 km). Hier wurde kein Zusammenhang zwischen Vitamin C und Erkältung nach dem Lauf beobachtet.
Nach dieser genaueren Betrachtung erscheint nun der Zusammenhang zwischen Vitamin C und Erkältungen für den Sport wesentlich schwächer und nur spezifisch für ganz lange Events (90 km). Wichtig ist auch zu sehen, dass bei 250 mg/d oder 600 mg/d die gleiche Reduktion der Inzidenz an Erkältungen beobachtet wurde. Es gibt also keine solide Evidenz dafür, dass mehr als 250 mg/d einzusetzen wären. Es kommen aber noch zwei Aspekte hinzu, welche selbst die 250 mg/d infrage stellen. Welche Rolle spielt es, ob ich nach einem 90 km Lauf für ein paar Tage erkältet bin oder nicht, und würde es schon eine wesentliche Reduktion der Erkältungen geben, wenn die Massnahme bloss „Regelmässig Händewaschen“ hiesse?
Und wenn man berücksichtigt, dass bei Vitamin C Gaben ab bereits 200 mg/d es zu einer Senkung von Trainingseffekten kommen kann (2), muss man sich gut überlegen, ob man Vitamin C im Sport überhaupt supplementieren soll. Für die allgemeine Bevölkerung spricht jedenfalls nichts dafür, dass man Vitamin C supplementiert.
Literatur