In der klassischen Theorie der Energiebilanz gilt das Konzept der austauschbaren Kalorien. Die «Kalorien» aus den energieliefernden Nährstoffen gelten als austauschbar und sollen unabhängig von ihrer Herkunft die gleiche Auswirkung auf den Energieverbrauch ausüben. Es ist höchste Zeit, dass wir uns von diesem Konzept verabschieden.
Die klassische Betrachtung der Energiebilanz ist ein theoretisches Konzept. Woher die eingenommene Energie stammt, soll keinen Einfluss auf den Energieverbrauch haben. Natürlich spielt in diesem Konzept auch der Zeitpunkt der Energiezufuhr keine Rolle auf den Energieverbrauch. Die Erkenntnisse diverser Studien widersprechen aber diesem Konzept. Auch die Erkenntnisse dieser Studie aus der Universität von Padova.
Methode
- 34 gesunde, junge und krafttrainierte Männer
- 3-5 Krafttrainings pro Woche seit mindestens 5 Jahren
- Versuch einzelblind
- Energiezufuhr in beiden Versuchsvarianten entsprechend 100 % dem geschätzten Energiebedarf
- Variante Standard (STD): Einnahme der Mahlzeiten um 8 Uhr, 13 Uhr, 20 Uhr
- Variante Partielles Fasten (PF): Einnahme der Mahlzeiten um 13 Uhr, 16 Uhr, 20 Uhr (Fasten zwischen 20 Uhr und 13 Uhr nächster Tag)
- Dauer: 8 Wochen mit regelmässigem, kontrolliertem Krafttraining & kontrollierte Energiezufuhr
- DXA Messung Körperzusammensetzung
- Diverse Blutparameter gemessen und Krafttests durchgeführt
Ergebnisse
- Energiezufuhr und relative Verteilung der Nährstoffe sehr ähnlich zwischen Varianten
- STD & PF: keine Veränderung fettfreie Körpermasse
- STD: Fettmasse Abnahme 0.3 kg (nicht signifikant)
- PF: Fettmasse Abnahme 1.6 kg (p < 0.001)
- PF: Insulin (-30 %), Glucose (-10 %), Testosteron (-20 %), IGF-1 (-13 %) signifikant tiefer (STD: unverändert)
- Krafttests: keine Veränderungen
Kommentar
Die unterschiedliche Abnahme der Fettmasse von gut 1.3 kg über 8 Wochen ist erheblich. Inwiefern dieser Unterschied alleine durch die längere Fastenphase zwischen der Mahlzeit am Abend und der ersten am nächsten Tag verursacht wurde, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Denn es ist praktisch unmöglich, die Energiezufuhr über 8 Wochen genau zu kontrollieren. Aber es wäre schon extremes Pech, wenn die ermittelte Energiezufuhr so fehlerhaft war, dass ein echter Unterschied dadurch verdeckt wurde. Das Ergebnis ist vermutlich richtig. Interessant ist auch die Verbesserung von Insulin und Glucose, aber auch die Abnahme der anabolen Hormone. Trotzdem gab es keine Unterschiede in der fettfreien Masse. Insgesamt bestätigen die Ergebnisse frühere Studien, dass es für den Energieverbrauch (insbesondere durch die Oxidation von Fettsäuren) durchaus eine Rolle spielt, wann die Energie eingenommen wird. Aus anderen Studien ist zudem klar, dass die Art der energieliefernden Nährstoffe ebenfalls den Energieverbrauch beeinflusst. Die Theoriebücher zur Energiebilanz sollten definitiv neu geschrieben werden…
Literatur
Danke für diese spannende Studie!
Was man noch nicht sagen kann ist, wie gross der Einfluss der Nahrungsaufnahme direkt vor dem Training war. STD hatte wenn ich es richtig interpretiert habe Nüchtern-Training (Nahrungsaufnahme um 12 Uhr und Training zwischen 16 und 18 Uhr) und bei der PF Gruppe war die Nahrungsaufnahme kurz vor dem Training (Nahrungsaufnahme um 16 Uhr, Training ebenfalls zwischen 16 und 18 Uhr). Es gibt ja auch Daten anderer Studien/Erfahrungsberichte, die darauf hinweisen, dass die Nahrungsaufnahme vor einem Training ebenfalls sehr entscheidend für eine Gewichtsabnahme sein kann. Was ist eure Meinung?
Ja. Sobald Kohlenhydrate zeitnah an ein Training eingenommen werden, läuft auch während des Trainings die Fettsäureoxidation nur gedrosselt ab. Wie stark dies ausfällt, hängt von Menge an KH und anderen Nährstoffen ab, sowie Modalität des Trainings.
Jedenfalls kann man nicht mehr die einfache Rechnung für die klassische Energiebilanz anstellen. Der Energieinput beeinflusst den Energieverbrauch in Abhängigkeit der Herkunft des Energieinputs. Dazu hatten wir auch bereits Science Updates:
https://www.ssns.ch/varia/abnehmen-im-sport-eine-kalorie-ist-nicht-eine-kalorie/
https://www.ssns.ch/varia/verbesserte-ausdauerleistung-durch-gezielte-kohlenhydrataufnahme-sleep-low/
Danke für die interessanten Ausführungen.
Gibt es Studien, die den Effekt des nüchternen Trainings auf die fettfreie Masse erklären? Vielerorts wird besagt, dass der Körper bei nüchternem Training verstärkt Energie aus der Muskulatur bezieht. Es fände somit zur verstärkten Fettsäureoxidation auch ein Abbau von fettfreier Masse statt. Ist dies korrekt? Und wenn ja, kann die Muskulatur beim nüchternen Training auf irgendeine Weise doch geschützt werden?
Ja, bei generell gedrosselter Energiezufuhr lässt sich die Muskulatur vor erhöhtem Netto-Abbau „schützen“.
Hierfür ist die Proteinzufuhr zu erhöhen, die vorliegenden Daten deuten auf eine sinnvolle Menge von 1.8 bis 2.7 g/kg Körpergewicht. Der Mengenbereich soll aber mehr dahingend interpretiert werden, dass die Proteinzufuhr zu erhöhen ist, als dass er einen genauen Bereich darstellt.
Helms et al. A systematic review of dietary protein during caloric restriction in resistance
trained lean athletes: a case for higher intakes. Int.J.Sport Nutr.Exerc.Metab. 2014; 24:127–38.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24092765
Vielen Dank für die Ausführungen und Links!