2021 zeigte eine Untersuchung von Mettler und al. dass 84% der Elite-Nachwuchs-Athleten (16 bis 18-Jährige) regelmässig Supplemente einsetzen. In der Sporternährungsberatung melden sich zunehmend auch jüngere Athlet:innen oder deren Eltern mit Fragen zum Einsatz von Supplementen. In diesem Praxis Update wird stellvertretend ein Fallbeispiel beschrieben, wie mit solchen Situationen umgegangen werden kann.

2020

Die Mutter von T ruft in der Praxis an. Sie möchte gerne eine Ernährungsberatung für ihren Sohn, der 13.5 Jahre alt ist und Eishockey spielt. Er hat aktuell 5 Trainings und spielt 1-2 Matches pro Woche. Sie möchte gerne Tipps, wie sie ihren Sohn unterstützen kann, damit er sich trotz Schule und Training gesund entwickelt und leistungsfähig bleibt. Zudem fragt sie sich, ob er ein Multivitamin-Präparat braucht. Er ist zu diesem Zeitpunkt 171 cm gross (P90) und wiegt 52.5 kg (P50). In der Beratung wird erst die Grundlagenernährung mittels Tellermodell und konkreten Mahlzeiten- oder Snackbeispielen besprochen gefolgt von Tipps wie rund ums Eishockeytraining gegessen und getrunken werden soll. Da die Familie ausgewogen und abwechslungsreich isst, ist ein Multivitaminpräparat nicht nötig. Ein Folgetermin wird nicht vereinbart.

2023

T ist unterdessen 16 Jahre alt, 181 cm gross (P75) und 64 kg schwer (P50). Das Trainingspensum beinhaltet neu 2 Morgentrainings (75 min) und bei den Abendtrainings auf dem Eis kamen Off-Ice Einheiten dazu (ergibt total 2-2.5h). Trainingsumfang total: 11 Stunden, dazu noch 1-2 Matches. Er befindet sich mitten in der Saison mit Fokus so viele Matches wie möglich zu gewinnen. Dieses Mal ist auch der Vater mit dabei, denn er ist sehr skeptisch gegenüber von Supplementen wie Proteinen, Energydrinks, Kreatin und da T. seit ein paar Monaten gerne Whey-Proteine zwecks Aufbaus von Muskelmasse einsetzen möchte, gab es ab und zu Diskussionen. Die Mutter ihrerseits möchte weiter an der Ernährung arbeiten, denn das Frühstück und auch die Zwischenmahlzeiten sind noch nicht optimal. Auch findet sie, dass T am Abend zu viel isst (mind. 2 Teller, gefolgt von einer Schale Müesli oder einem Dessert). In so einer Situation kann es hilfreich sein, die drei verschiedenen Erwartungen aufzuschreiben und das weitere Beratungsvorgehen zusammen festzulegen. Da seit der ersten Beratung fast drei Jahre vergangen waren, wird die Basisernährung erneut thematisiert. Dazu wird das Tellermodell inkl. Rollen der verschiedenen Nahrungsmittelgruppen repetiert und Beispiele für die praktische Umsetzung zusammen erarbeitet. Betreffend Supplemente werden zuerst die jeweiligen Beweggründe erfragt, gefolgt von einem Fachinput zu isotonischen Getränken, Whey/Recoveryshake, Kreatin und Energydrinks. Abschliessend wird folgender Konsens gefunden:

  • T wird neu in den Trainings Maltodextrin und an vier definierten Tagen der Woche einen Recoveryshake einsetzen.
  • Es werden keine Energydrinks konsumiert.
  • Kreatin wird aktuell nicht supplementiert, weil das Potential der Alltagsernährung grösser und der Zeitpunkt während der Saison nicht geeignet ist.

Bemerkung dazu: Solange die Basisernährung und die sportartspezifischen Anpassungen noch nicht optimiert sind, sind Supplemente nur bedingt zu empfehlen. Zum anderen ist der Zeitpunkt mitten in der Saison und ohne entsprechendes spezifisches Krafttraining nicht optimal.

2024

APRIL: T (17) isst in der Zwischenzeit ausgewogener, mehr und viel regelmässiger (mindestens 6x/Tag). Trotzdem hat er sein Gewichtsziel noch nicht erreicht (182 cm/P75, 67kg/P50). Auch die Trainer machen immer mehr Druck, dass es nun an der Zeit ist, an Muskelmasse zuzulegen. Der grob geschätzte Energiebedarf liegt um die 4000 kcal/Trainingstag. Dies wird trotz dem besseren Essverhalten noch nicht gedeckt. Zusammen wird diskutiert, wie Mahlzeiten angereichert oder ergänzt werden können. Da T nun vieles schon richtig macht, die Eltern ihr Einverständnis gegeben haben und im Sommertraining zwei grosse Kraftblöcke geplant sind, wird der konkrete Einsatz von Kreatin besprochen.

SEPTEMBER: T kommt total happy und alleine in die Beratung. Er ist immer noch 182 cm gross, hat aber seit dem letzten Termin 7 kg zugenommen. Die Gewichtszunahme konnte mit den getroffendenTrainingsmassnahmen und über eine Erhöhung der Energiezufuhr sowie die zusätzliche Kreatinsupplementation positiv beeinflusst werden. Nach einer viermonatigen Supplementierung (inkl. 2 Wochen Einnahmepause in den Ferien) nimmt er momentan kein Kreatin mehr und beobachtet, wie sich sein Körper entwickelt. Aus dem kleinen schmächtigen Jungen ist ein selbstbewusster und reflektierter junger Athlet geworden.

Fazit

  • Solange die Basisernährung und die sportartspezifischen Anpassungen noch nicht optimiert sind, sind Supplemente nur bedingt zu empfehlen. Dies gilt auch für erwachsene Athleten.
  • Als erste Supplemente können Sportnahrungsmittel wie Riegel, Sportgetränke oder Recoveryshakes eingesetzt werden, um die Energiezufuhr rund ums Training zu optimieren. Einfache Getreideriegel, Biberli, Sirup oder verdünnter Fruchtsaft sowie Schoggimilch oder Joghurtdrinks bleiben weiterhin gute Alternativen zu solchen Supplementen.
  • Performancesupplemente sollen im Nachwuchsbereich nur nach sorgfältiger Prüfung und für ganz spezifische Situationen eingesetzt werden. Es besteht die Gefahr, dass durch den frühen Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln und Supplementen später schneller zu verbotenen Mitteln gegriffen wird.
  • In der Beratung unbedingt Chancen / Risiken und den reflektieren Umgang mit Supplementen diskutieren. Gute Hilfsmittel sind u.a. der Supplementeguide und das SSNS-Click Tool und das Risikoassessementvon Swiss Sport Integrity.
  • There are no shortcuts to success!

 

Referenz

Mettler S, Lehner G, Morgan G. Widespread Supplement Intake and Use of Poor Quality Information in Elite Adolescent Swiss Athletes. Int J Sport Nutr Exerc Metab. 2022;32(1):41-48. doi:10.1123/ijsnem.2021-0043