Im letzten Praxisupdate wurden Grundlagen des RED-S, der Energiebilanz im Tagesverlauf und Parallelen zum Übertraining beschrieben. Es wurde zudem aufgezeigt, wie wichtig eine gut über den Tag verteilte und aufs Training abgestimmte Energie- und Kohlenhydratzufuhr ist. In Teil zwei geht es um spezifische und unterschiedliche Auswirkungen des RED-S bei Frauen und Männern. Zudem werden anhand eines Praxisbeispiels Optimierungs- und Präventionsmöglichkeiten erläutert.
Ein RED-S wirkt sich negativ auf die Gesundheit (u.a. Knochendichte, hormonelle Störungen) und auf die Leistungsfähigkeit (u.a. tiefe Energiereserven, Müdigkeit, Verletzungsanfälligkeit) aus. Obwohl genauso Athleten wie Athletinnen davon betroffen sind, gibt es doch ein paar Unterschiede:
- Männer sind weniger häufig betroffen als Frauen.
- Ein spezifischer Schwellenwert für eine ungenügende Energieverfügbarkeit wie bei den Frauen (<30kcal/kg FFM), kann für Männer zum aktuellen Forschungsstand nicht angegeben werden. Es wird angenommen, dass bei Männern ein grösseres Energiedefizit auftreten kann, bevor es zu negativen Auswirkungen auf Gesundheit und die Leistungsfähigkeit kommt.
- Wie bei Athletinnen gibt es auch bei Athleten verschiedene Ursachen einer tiefen Energieverfügbarkeit: absichtlicher Gewichtsverlust, unbewusst tiefe Energiezufuhr oder eine Essstörung. Athleten streben meist aus kulturellen und ideologischen Gründen zu einem muskulösen und definierten Körper. Bei Athletinnen liegt der Fokus oft darauf, möglichst dünn oder möglichst leicht zu sein.
- In Bezug auf die Fortpflanzungsfunktionen kommt es bei Männern in erster Linie durch ein hohen Trainingsvolumen und nicht durch eine tiefe Energieverfügbarkeit zu einer Unterdrückung der Konzentration von Fortpflanzungshormonen, zu einer beeinträchtigten Samenqualität und einer verminderten Libido. Nach Beseitigung des Trainingsstresses erholen sich diese Funktionen wieder.
- Hinsichtlich der Knochengesundheit deuten Studien darauf hin, dass Athleten ähnlich wie Athletinnen, in gewichtssensitiven Sportarten (u.a. Ausdauersport, Klettern, Skispringen) häufiger davon betroffen sind und ein höheres Risiko für Ermüdungsbrüche aufweisen.
Praxisbeispiel
Luna*, ist 17 Jahre alt und besucht das Gymnasium. Sie ist Schwimmerin und trainiert seit dieser Saison zusätzlich 2x früh morgens jeweils 90 min und geht ein drittes Mal in den Kraftraum. Dies ergibt ein Total von 14 Stunden im Wasser und 3 Stunden Kraft. Sie beklagt sich über eine ausgeprägte Müdigkeit und Verdauungsprobleme (Blähungen, Durchfall). Sie meint, dass dies wegen dem Stress an der Schule ist, da dort die Jahresabschlussprüfungen anstehen, ist jedoch etwas beunruhig, da in vier Wochen die Schweizermeisterschaften anstehen und war darum beim Arzt. Ihr Gewicht ist stabil (60 kg, 173 cm), die Standardlaborwerte sind in Ordnung und sie hat einen regelmässigen Menstruationszyklus. Der Arzt schickt sie wegen der Verdauungsproblemen in die Ernährungsberatung. Die Ernährungsanamnese zeigt Folgendes: Sie isst ein Müesli zum Frühstück (Naturjoghurt, Haferflocken, 2 Stück Obst, Leinsamen, Mandeln, Honig), am Mittag meistens einen grossen gemischten Salat mit Poulet oder Käse und Kernenbrot, manchmal auch ein Vollkornsandwich oder Resten von zuhause, vor dem Training ein bis zwei Schoggi-Farmer oder 4 Reiswaffeln mit Schokoladeüberzug und eine Banane, im Training trinkt sie Wasser und danach gibt’s eine ausgewogene Mahlzeit mit Kohlenhydraten, Gemüse und Eiweiss (eine mittelgrosse Portion) zum Dessert eine Frucht. Grob geschätzt ergibt dies eine Energiezufuhr von etwa 2400 kcal.
Trotz des stabilen Gewichts, dem regelmässigen Menstruationszyklus und der drei ausgewogenen Hauptmahlzeiten handelt es sich hier um ein RED-S, denn die Energiezufuhr deckt den durch den Sport stark erhöhten Energiebedarf (geschätzt >3200 kcal) bei Weitem nicht. Die sogenannte tiefe Energieverfügbarkeit (low energy availability, LEA) kann auch folgendermassen berechnet werden: Energiezufuhr – Energie für den Sport / kg fettfreien Masse. Für Luna gibt das 2400 kcal – 1100 kcal / 50 kg = 26 kcal/kg fettfreie Masse. Sie liegt damit unter dem Schwellenwert von 30 kcal / kg.
Dieses Energiedefizit hat zusammen mit dem Stress an der Schule und der beiden kürzeren Nächte vor dem Morgentraining zur chronischen Müdigkeit geführt. Die Verdauungsprobleme können ebenfalls eine Folge des RED-S seins und werden durch die hohe Zufuhr von Fruktose, Nahrungsfasern und ungekochten Speisen verstärkt.
Um die Energiezufuhr zu steigern, testet Luna folgende Möglichkeiten:
- Kohlenhydratanteil bei den Hauptmahlzeiten erhöhen und gegebenenfalls den Frucht-/Gemüse-/Salat-Anteil etwas reduzieren
- Nach den beiden Morgentrainings eine Schoggimilch oder ein Emmi latte trinken
- In der 10 Uhr Pause eine kohlenhydrathaltige Zwischenmahlzeit essen (z. B. Maisbrötchen)
- Während den Trainings 750ml Sportgetränk trinken (= 55-60 g Kohlenhydrate)
- Eine Spätmahlzeit einbauen (z. B. Skyr, Quark)
* Luna steht exemplarisch für Athletinnen und Athleten in den verschiedensten Sportarten
Prävention
Eine ungenügende Energiezufuhr im Sport ist leider alles andere als selten und betrifft 22-58% der Athleten. Da es sich jedoch, häufig schleichend entwickelt, wird es erst erkannt, wenn schon Folgeerscheinungen auftreten. Diese können, wie die Müdigkeit und die Verdauungsproblemen bei Luna, eher unspezifisch sein, beim Ausbleiben der Menstruation oder bei einer Ermüdungsfraktur sollten jedoch sofort die Alarmglocken läuten.
Besonders wichtig sind darum eine breite Aufklärung von Athet:innen, Trainer:innen, Eltern und dem medizinischen Staff sowie aktive Screenings. Für Athletinnen existieren bereits diverse validierte Fragebögen betreffend Essstörungen und ungenügender Energiezufuhr wie z. B. der LEAF-Q, BEDA-Q, RST oder das RED-S CAT. Spezifische Fragebögen für Athleten müssen erst noch entwickelt oder validiert werden. Bei Einsatz von diesen Screening Tools gilt es weiter zu beachten, dass die Fragebögen jeweils für spezifische Zielgruppen validiert wurden und somit nicht unbedacht auf andere Athletengruppen übertragen werden können. Ausserdem sind diese Fragebogen zur Diagnostik nicht geeignet und ersetzten weder eine ausführliche Anamnese noch ein Beratungsgespräch mit einer Fachspezialistin. Bei Auffälligkeiten in den Screeningtools können jedoch weitere Abklärungen durch die Spezialisten aus den Bereichen Sportmedizin, Sporternährung sowie Sportpsychologie durchgeführt werden und eine therapeutische Intervention wird geplant.
Quellen
Wiebe DJ, Storey EP, Orchinik JE, et al. The Male Athlete Triad-A Consensus Statement From the Female and Male Athlete Triad Coalition Part 1: Definition and Scientific Basis. Clin J Sport Med. 2021;31(4):345-353.
Logue DM, Madigan SM, Melin A, et al. Low Energy Availability in Athletes 2020: An Updated Narrative Review of Prevalence, Risk, Within-Day Energy Balance, Knowledge, and Impact on Sports Performance. Nutrients. 2020;12(3):835. Published 2020 Mar 20.
Sim A, Burns SF. Review: questionnaires as measures for low energy availability (LEA) and relative energy deficiency in sport (RED-S) in athletes. J Eat Disord. 2021;9(1):41. Published 2021 Mar 31.
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